Selbsttäuschung 2.0

Autor: Conny  Kategorie: Kuriosum 20.April 2009

Zu den Zeiten, da ich noch lernend in der Bibliothek saß, überfiel mich oft das schlechte Gewissen: Während die Tischplatte meinem Kopf immer näher kam, tippten die Studentin vor mir und der Student schräg rechts von mir fleißig in ihre Laptops.

Heimlich spähte ich nach ihren Bildschirmen, um zu erkennen, welches Thema, welcher Studiengang so viel Engagement verdiente – und sah Fotoalben, Nachrichtenfenster und Gästebücher… Jetzt konnte ich meine Augen beruhigt für dreißig Minuten schließen…

Seither lächle ich immer, wenn Kommilitonen Bewunderung heischen, indem sie mitteilen, sie hätten „sieben Stunden in der Bibo gesessen“. Und dabei ist das keine bewusste Lüge – die Selbsttäuschung funktioniert: Wer sieben Stunden in der Bibliothek saß, ist nachmittags geschafft und fühlt sich, als habe er „was gemacht“ (ähnlich befriedigend wirkt übrigens auch das längst fällige Putzen der Wohnung). Dass vier Stunden für’s Kontakte pflegen in sozialen Netzwerken, E-Mail-Schreiben und Stöbern im Netz draufgegangen sind, empfindet man selbst nicht so. Prokrastination 2.0 nannte das der SpiegelOnline gestern in einem Artikel, in dem die Studie einer Universität in Ohio vorgestellt wird, nach der Facebook-Nutzer schlechtere Noten haben als ihre netzwerkfremden Kommilitonen. Freundeslisten erweitern statt lernen. Natürlich ist es nicht der Account an sich, der einen weniger gut abschneiden lässt. Vielmehr ist die häufige Nutzung des Internets im Allgemeinen und dabei auch der sozialen Netzwerke eine beliebte Form der Lernvermeidung – wenn es nicht Facebook ist, ist es StudiVZ, YouTube oder Wikipedia, wenn es nicht das Web ist, ist es Putzen oder Sport. Jede andere Beschäftigung zählt…

Wie häufig auch immer soziale Netzwerke genutzt werden – man sollte darauf achten, ein seriöses Profil anzulegen und keine ellenlange, eher fragwürdige Gruppenliste präsentieren. Wenn der zukünftige Chef neben suboptimalen Noten in der Bewerbungsmappe auch noch ein Foto vom Bewerber betrunken auf der letzten Party im Web findet – dann klappt’s nicht mit dem Vorstellungsgespräch. Weitere Infos und Links zur Onlinereputation gibt’s bei unserem Partner DeinguterRuf.de.



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